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400 Datensätze zu Legionellen in dezentralen Anlagen

Legionellen in dezentralen Anlagen werden als Gefahrenquelle immer noch unterschätzt. Trotz der UBA-Mitteilung vom Dezember 2018 zur Legionellen-Vermehrung in diesen Systemen und der Studie der Universität Kiel, die ein signifikantes Legionellen-Wachstum in zahlreichen dezentralen Anlagen detektierte, sind statistisch belastbare, systematisch erhobene Trinkwasserdaten derzeit Mangelware. Wir haben daher rund 400 Datensätze zu Untersuchungen dezentraler Anlagen auf Legionellen analysiert.

Bereits am 18. Dezember 2018 hat das Umweltbundesamt (UBA) in einer sogenannten Mitteilung davor gewarnt, das Legionellen-Aufkommen in dezentralen Trinkwassererwärmern völlig zu unterschätzen. Dezentrale Trinkwassererwärmer sind Trinkwassererwärmer (Durchflussgeräte oder Geräte mit geringem Speicherinhalt), die eine oder mehrere eng beieinander liegende Entnahmestellen versorgen. Bis dato würden dezentrale Trinkwassererwärmer als sicher im Hinblick auf eine Legionellenkontamination angesehen. Neuere Erkenntnisse zeigten jedoch, dass es auch in dezentralen Trinkwassererwärmern und in den dahinterliegenden Leitungen zu einer Legionellenvermehrung kommen könne, so das UBA. Bei der Abklärung von Legionelleninfektionen seien auch dezentrale Trinkwassererwärmer in die Ursachensuche einzubeziehen.

Nach unserem Kenntnisstand hat diese Verlautbarung unter anderem dazu geführt, dass im Zuge von Gefährdungsanalysen und Gefährdungsbeurteilung von komplexen Trinkwasser-Installationen mit mikrobiellen Auffälligkeiten ein stärkeres Augenmerk auf mögliche Kontaminationsquellen in dezentralen Warmwassergeräten gelegt wurde.Verfügbare Daten resultieren insofern überwiegend aus einzelnen Untersuchungen aus gegebenem Anlass.

Auch die langen Stagnationsphasen, die der zeitweilige Lockdown für zahlreiche Gewerbe-, Industrie- und Bürogebäude mit sich brachte, haben sich sicherlich einen Einfluss auf das Kontaminationsgeschehen in dezentralen Trinkwassersystemen.

Mangels gesetzlicher Pflicht gibt es unseres Wissens bis zum heutigen Tage keine systematischen Untersuchungen dezentraler Trinkwarmwasseranlagen, die über einzelne Stichproben und Studien mit wenigen Anlagen hinausgehen. Beispielhaft genannt sei die sicherlich bekannteste und umfangreichste Studie der Universität Kiel, in welcher dessen Medizinaluntersuchungsamt in einer Appartementanlage Kalt- und Warmwasserproben aus 84 Wohneinheiten gezogen hatte, mit dem Ergebnis, dass in 54 % der Wohnungen Konzentrationen oberhalb des technischen Maßnahmenwertes (TMW), in 12 % der Wohnungen sogar oberhalb des Gefahrenwertes von 10 000 KBE/100 ml gemessen wurden. Selbst bei Temperatureinstellungen am Durchlauferhitzer von über 50 °C wurden teilweise hohe Belastungen mit Legionellen festgestellt.

Wir haben diese „Datensparsamkeit“ zum Anlass genommen, einen genaueren Blick auf unsere eigenen Trinkwasserdatensätze zu werfen. Denn im Zuge der adhoc-Beprobungen im Zusammenhang mit der Wiedereröffnung von Betrieben (Restart) wurde seit Juni 2020 in den Untersuchungsaufträgen nicht selten die Beprobung dezentraler Anlagen inkludiert.

Hintergrund ist, dass spätestens seit dem Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6. Mai 2015, wonach die Nicht-Wartung einer überdimensionierte und die erforderlichen Temperaturen nicht erreichende Warmwasseraufbereitungsanlage eine Verletzung der Verkehrssicherungspflichten (auch außerhalb der Trinkwasserverordnung) u. U. begründen könne, einige Anlagenbetreiber bewusst mehr tun, wenn sie davon ausgehen müssen oder sogar Kenntnis davon haben, dass Legionellen-Wachstum im Trinkwassersystem bei dezentralen wie zentralen Anlagen gleichermaßen auftreten kann.

Vom 2. Juni bis zum 31. Oktober 2020 haben wir Untersuchungsaufträge erhalten bzw. vermittelt über insgesamt 70 Anlagen mit nominell 414 Trinkwasserproben. Tatsächlich beprobt wurden in der Folge 68 Anlagen mit 370 Proben, die ein auswertbares Ergebnis produzierten. Bei 30 Proben war die Agarplatte nicht auswertbar, 10 Proben wurden kurzfristig storniert und bei vier Proben wurden mehr als 160 Kolonie bildende Einheiten gezählt (> 160 KbE).

Von den 370 untersuchten Proben überschritten 75 den technischen Maßnahmenwert von 100 Kolonie bildenden Einheiten für Legionellen in 100 ml Trinkwasser (KbE/100 ml). Dies entspricht einer Kontaminationsquote von 20,3% und geht weit über die veröffentlichten Zahlen der systemisch untersuchten Großanlagen zur Trinkwassererwärmung hinaus (je nach Jahr zwischen 5,6% und 8%).

Interessant ist auch die Verteilung der Kontaminationshöhe nach dem einschlägigen DVGW-Arbeitsblatt W 551, klassifiziert in mittlere Kontaminationen von 101-999 KbE/100 ml, hohe Überschreitungen von 1.000 bis 9.999 KbE/100 ml und extrem hohen Legionellenbefall von mehr als 10.000 KbE, bei dessen Überschreitung Experten vom Erreichen der Gefahrenschwelle ausgehen.

So wiesen 48 Proben eine mittlere Kontamination auf und somit 13%. Hohe Kontaminationen wurden an 26 Entnahmestellen festgestellt. Der Prozentsatz von 13% geht deutlich über den Durchschnitt der vorliegenden Daten zu Legionellenbefall in Großanlagen hinaus, während eine Probe mit extrem hoher Kontamination (1,3%) im Rahmen der Erwartungen lag.

Befragungen der Anlagenbetreiber ergaben, dass viele Trinkwasser-Installationen in der Lockdown-Phase gar nicht betrieben wurden. So kam es zur Stagnation des Warmwassers über einen längeren Zeitraum. Dort, wo Spülpläne implementiert wurden, um die Legionellen-Gefahr zu bannen, haperte es bisweilen an der Umsetzung bzw. dessen Nachhaltung und Kontrolle. So wurde in einem uns bekannten Fall mit zahlreichen hohen Kontaminationen in einem Gebäude vergessen, dass der mit der regelmäßigen Spülung betraute Hausmeister erst im Urlaub und dann in Quarantäne war und die Vertretung nicht geregelt war.